Meine Assoziationen zu der Installation HausTräume

Im Rahmen der Ausstellung geh.fährtinnen – geh.danken – geh.wege ist in der Scheune Frixe-Glindemann eine Installation „HausTräume“ entstanden.

Die erste Idee war schlicht. Der Hofbesitzer nimmt uns wohlwollend und freundlich auf: „Gucken Sie, wie Sie das nutzen können, und dann ist mehr Leben auf dem Hof.“ Ungefragt erzählt er etwas von den Flüchtlingen, die damals, als er ein kleiner Junge war, auf dem Hof lebten und arbeiteten. Ich komme mir vor wie ein Kunstflüchtling, der ein Dach über dem Kopf angeboten bekommt. In schlafloser Nacht entsteht daraufhin die Idee von „Behausung“. Bei erneuter Besichtigung der Räumlichkeiten ist ganz schnell klar, welches der Ort dafür ist: die eine Pferdebox.  Gudrun entwickelt später dazu die Installation zur Obdachlosigkeit in der zweiten Pferdebox.

Für mich geht es also erst mal um eine Dachkonstruktion. Mein Mann, meine Tochter und ein alter Freund helfen mir bei der Planung und technischen Ausführung.
Die Zusammenarbeit mit der Gleichstellungsbeauftragten bringt das Thema „equal pay“ in die Hausplanungen rein. Es soll ja ein Kalender zur Ausstellung gestaltet werden. Die 15 Monatsblätter sollen zum Ausdruck bringen, dass Frauen 15 statt 12 Monate arbeiten müssen, um auf das Jahresgehalt der Männer zu kommen. Mein Traum vom Haus hätte also auch viel früher Wirklichkeit werden können, wenn ich eine angemessene Bezahlung bekommen hätte. Und nicht nur die unsicheren und niedrigen Honorare für hochqualifizierte Arbeit. Wobei ich ja sogar froh war, dass ich diese Jobs überhaupt bekam.
In diesem Zusammenhang konkretisiert sich die Ausführung der Wände: Sie werden mit Seiten aus Wohnzeitschriften tapeziert, das Sitzmobiliar aus Stapeln davon gebaut.
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Die Auswahl der geeigneten, gut lesbaren Seiten führt mir dann vor Augen, mit welchen Botschaften ich bei der Lektüre „gefüttert“ worden bin: „Schöner Wohnen beginnt mit einem Abo“. Und dass ich „gut betucht“, also erfolgreich bin, zeige ich mit der entsprechenden Ausstattung meiner Wohnung.
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Ich beziehe deshalb auch die Futterkrippen mit ein. Ich habe mich mit dieser Ideologie „füttern“ lassen, habe auch jahrelang mit Hilfe der Zeitschriften davon geträumt, mir mit meinem Zuhause einen Ort der Sicherheit und Geborgenheit zu schaffen.

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Da kommt natürlich auch wieder meine persönliche Geschichte als Kind von Flüchtlingen rein – und mir wird klar, dass ich doch schon zwei andere Ausdrucksweisen, natürlich abhängig von dem Zusammenhang und dem Ort, zu diesem Thema gebaut habe: das Nest mit der Geschichte meiner Ahninnen, die Marien-Oase aus dem Schutzmantel der Madonna.
Und schon bin ich bei den Buden der Kinder, den guten Erinnerungen an die Zeit in der besten aller Höhlen im Mutterleib.

Zurück zur Verführung. Als ich das Dach nur mit rotem Tuch bespannen will, gibt es Protest von verschiedenen Seiten, vor allem von meinem Sohn. „Nein, Du musst schon bei den roten Ziegeln bleiben, auch wenn das technisch nicht so einfach durchführbar ist.“ Ich habe nämlich die rotesten Seiten aus den Wohnzeitschriften gesammelt. Aber wie soll ich damit das Dach decken? Ich spreche mit verschiedenen erfahrenen Frauen. Am liebsten aufnähen – aber so viele Blätter auf ein großes Laken? Da müsste ich schon eine erfahrene Quilterin sein. Welcher Klebstoff könnte geeignet sein? Der nicht durchschlägt, aber hält.

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Als das Dach dann gespannt ist, erinnert das Haus an das Lebkuchenhaus der Hexe von Hänsel und Gretel. Verführung pur. Und das löst bei mir Assoziationen in verschiedene Richtungen aus: Welche Rolle spielt der Luxus im Elternhaus dabei, dass so viele junge Menschen das „Hotel Mama“ so lange bewohnen? Und: Ich und viele andere Frauen und manche Männer wollen auch so schön und trendy und anerkannt und bewundert und beneidet wohnen, wie es in den Zeitschriften gezeigt wird.
Als das Haus – die Installation „HausTräume“ – dann fertig ist, Tische und Betten und Teppiche ausprobiert und wieder verworfen sind, und ich das erste Mal drin sitze und mich darin umblicke, ist ein weiteres Gefühl da: „und sie fanden keinen Raum in der Herberge“. Damit bin ich auch bei den ganzen Flüchtlingsdramen, die sich gerade wieder an so vielen Orten auf der Welt abspielen.
Seitdem die Ausstellung läuft, kommt auch das Thema der Gastfreundschaft rein: man kann wunderbar zu sechst unter diesem Dach hocken und Tee trinken – oder Erbsensuppe essen.

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Kommen Sie doch in der Zeit bis zum 19. Oktober an einem Donnerstag oder Sonnabend in die Scheune, Frixe-Glindemann, Hauptstr. 31 in Meine, und probieren Sie aus, welche Gedanken und Gefühle bei Ihnen entstehen! Ich lade Sie herzlich ein.

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